Mittlerweile ist es hier auf Ober Überlud taghell geworden, aber es ist noch immer richtig früh. Die Kühe hier machen den Eindruck, als möchten sie auch gerne bis 9 Uhr schlafen. Aber wieso sollten sie es besser haben als ich?;-) Gemolken sind sie schon, jetzt wird sie Frank gleich auf ihre Weide bringen. Währenddessen macht sich Günther vom Stall wieder auf in die Senn. Meine Theorie, die Käseproduktion könnte doch ruhig erst am späten Vormittag beginnen, hält dem Praxistest nicht stand.
4h 46 – “Günther, stehen wir dann langsam auf und trinken einmal einen Kaffee? Günther? Günther?”
Ich halt es nicht aus! Senner Günther hat wirklich nur eine Minute vom Weckerläuten bis zu seinem Arbeitsplatz in die Senn geschafft. Während ich noch mein Gewand zusammensuch steht er schon in der weißen Sennschürze um die ersten Arbeitsschritte zu erledigen. Doch schon ein paar Minuten später, stehe ich nicht mehr neben mir, sondern neben Günther.
Unglaublich, es wird erst 21 Uhr aber ich mache mich dann langsam ins Land der Träume auf. Erstens war der heutige Tag sehr anstrengend, Schnäpsle, Nudelauflauf, Heidelbeer-Joghurt, 2mal Kaffee und Kuchen und eine Jause am Abend, das muss man erst einmal schaffen, vor allem, wenn man erst um 14 Uhr angekommen ist, und zweitens gehts morgen um 5 Uhr früh los. Senner Günther wird mir seine Käsekunst zeigen. So und jetzt werden zum Einschlafen Kühe gezählt, 50 wären ja da auf Ober Überlud. Und heute habe ich auf alle Fälle einen Alptraum. (dieses Wortspiel konnte ich nicht auslassen). Gute Nacht!
Hier auf der Alp geht alles noch seinen natürlichen Weg und der Tagesablauf ist von früh bis spät geregelt. Doch auch hier ändert sich das rasch, wenn Medienleute in das Geschehen eingreifen. Presse-Fotograf Dietmar erwartet mich nach dem Schnaps und Andreas herrlichem Nudelauflauf (Nachspeise: ein selbergemachtes Heidelbeerjoghurt, welches in der Natur ganz anders schmeckt, nämlich viel besser). Und ich mache das was man heutzutage am besten können muss: sicheres und freundliches Auftreten vor der Kamera bei völliger Ahnungslosigkeit. Darunter fallen Holz hacken, Käse schöpfen und einsalzen und Kühe füttern. Für letzteres wurden 4 Kühe einfach von der Weide geholt und für sie völlig ungewohnt mitten am Nachmittag in den Stall gebracht, wie folgendes Video zeigt:
Und diese Fotos wurden danach gemacht. Der Jungbauernkalender ist nichts dagegen
Zug fährt in Bludenz ein, dort wo die Kühe angeblich Lila sind
Internationaler hätte die Anreise nicht sein können. Eine ÖBB-Zugfahrt, durchgeführt von der Deutschen Bahn und eine afrikanische Kellnerin serviert zum Frühstück im Speisewaagon ein Rührei mit dänischem Speck. Warum ausgerechnet dänischer Speck auf einer Strecke zwischen Wien und Bludenz auf den Teller kommt, können sicherlich Globalisierungsgegner bzw. -befürworter je nach Standpunkt beantworten.
Meine Aufgabe ist es zu erklären wie heimischer Käse von einer Vorarlberger Alp ins Tal und später zum Supermarkt Ihres Vertrauens kommt. Und wenn das gelungen ist, dann müssen wir es nur noch schaffen, dass der Alpkäse von der Ober Überlud in einem Zug von Kopenhagen nach Bröndby serviert wird.
Auf jeden Fall bin ich gut auf der Alp angekommen und wurde hier auf das allerherzlichste aufgenommen, wie folgendes Video beweist:
Die Woche auf Ober Überlud geht weiter mit Christian Schwab ...
Sichtlich wohl fühlen sich die Kühe zurück auf der Weide, nachdem sie die letzten Tage wetterbedingt im Stall verbringen mußten und mit Heu gefüttert wurden:
Gestern war ein herrlicher Tag und der Schnee ist weitgehend abgeschmolzen. Gleich geht’s ab ins Alpblog-Mobil nach Bludenz, wo um 12:36 Uhr Christian Schwab ankommt. Danach übernimmt er meinen Job und mir bleibt nur, der Belegschaft von Ober Überlud herzlich zu danken. Schöa isches gsi!
Das Alma-Lager in Hard. Hier, in Lochau und in Lingenau wird Alp- und Bergkäse angeliefert.
Ein spannender Moment für jeden Senner ist die “Bonitierung”. Der Alma-Käseeinkäufer prüft die Qualität des Alp-Käses und klassifiziert ihn in 3 Güteklassen: 1, 2 oder 3! Die Kriterien für die Bewertung sind Äußeres (10%), Textur (20%), Lochung (20%) sowie Geruch/Geschmack (50%). Bei der Produktion muss der Senner viele Faktoren beachten. Einige kann er kontrollieren, einige muss er zur Kenntnis nehmen. Schließlich handelt es sich um ein Naturprodukt. Wenn alles optimal geklappt hat, gibt es einen “Einser”!
Die Klassifizierung ist erst nach einer bestimmten Zeit sinnvoll, weil sich der Käse durch die Reifung ja entwickelt. Die Bonitierung erfolgt entweder vor Ort auf der Alp oder im Käselager des Vermarkters. Senner German Nigsch von der Alpe Oberdamüls war letzte Woche in Hard im Käselager von Alma bei der Bonitierung seiner Alpkäse-Laibe durch Käseeinkäufer Benjamin Greber dabei. Wir haben den beiden über die Schulter geschaut:
Benjamin klopft den Laib ab, sucht nach möglichen “Nestern” und zieht eine Probe (“Böhrling”). Anhand dieser wird die Konsistenz des Teigs, die Lochung und schließlich der Geschmack geprüft.
Einkäufer und Senner freuen sich, wenn sie eine schön ausgebildete Lochung vorfinden und der Teig “lang” ist. Nach der Prüfung wird das Loch wieder verschlossen, damit sich kein Schimmel bilden kann.
60 Laibe von German standen am Prüfstand. Über 50 Laibe wurden als “Einser” eingestuft und damit ist der Senner sichtlich zufrieden.
Ober Überlud hat einige technische Gusto-Stückerln, die man auf anderen Alpen vergeblich sucht.
Die Leistung, die unser dynamisches Duo hier jeden Sommer vollbringt, wird durch Technik massiv erleichtert bzw. erst möglich gemacht. Wir kommen jetzt auch zur Auflösung der Frage, wieso hier ein Hydrant anzutreffen ist
Der Strom kommt aus der Steckdose, aber nicht aus dem öffentlichen Netz. Ober Überlud hat ein eigenes kleines Kraftwerk!
Generator und Turbine sind in der Sennerei untergebracht. Aus zwei Tobeln wird Wasser über Speicher abgezogen (siehe Foto) und über eine Druckleitung 140 Meter nach unten an diesen Punkt geschickt.
Die Druckleitung erklärt auch den Hydranten. Er bietet im Brandfall die Möglichkeit, schnell über Wasser zu verfügen. Dazu ist auch entsprechendes Zubehör vorhanden:
Die Sache mit dem High Speed Internet ist eher zufällig entstanden. Ein Unternehmer in Bad Rotenbrunnen vis a vis benötigt eine gute Netzanbindung und benutzt die Alp als “Spiegel”, damit das Signal bei ihm landet:
Unter dem Giebel von Frank’s Hütte befindet sich der Schlüssel zum Netz der Netze. Tatsächlich ist auch auf der Alp für diversen Papierkram ein guter Internetzugang durchaus hilfreich!
Es gibt auch noch etwas weniger ausgefallene Technik-Artefakte, die man aber nicht auf jeder Alp findet. Von weithin ins Auge sticht beispielsweise der Scherenbagger, mit dem der Mist manipuliert wird:
Auch ein Milchtank ist vorhanden, um während der 6 Wochen im Oberlager die Milch in die Sennerei zu transportieren:
Der Milchtank wird mit dem Jeep gezogen, der ein Beispiel dafür ist, dass auf der Alp die Funktion wichtiger ist als die Ästhetik:
Noch erwähnenswert ist die Materialbahn, die durch die gut ausgebaute Straße allerdings an Bedeutung verloren hat:
Zum Abschluss noch ein kleines Video, das dokumentiert, welchen Einsatz Alp-Blogger/innen und Älpler teilweise für ein einziges Foto leisten:
Hi! Wir sind zehn Blogger aus (fast) ganz Österreich. Jeder von uns ist diesen Sommer eine Woche auf einer Senn-Alp im Bregenzerwald/Vorarlberg. Hier bloggen wir, was wir dort in schwindligen Höhen erleben ...
Über mich: Anja Pototschnig (27) ist gebürtige Kärnterin und lebt in Wien. Als diplomierte Shiatsu-Praktikerin liebt sie die natürliche Arbeit und Kommunikation mit den Händen. Ihre Neugier auf das ursprüngliche Alp-Leben mit den Sennern und Kühen ist schier unendlich groß: "I gfrei mi!"