Thomas holt sich Tipps von Michael für die zweite Woche das Alma Alp-Blogs.
Thomas kommt mit Verspätung in Bregenz an.
Mit etwas Verspätung ist Thomas Franz-Riegler um 14:42 h dem Railjet in Bregenz entstiegen. Erwartet wurde er von Michael Kölbl, der zuvor seine Zelte auf der Alpe Gemeine Finne abgebrochen hatte. Gemeinsam ging’s zuerst zur Alma nach Hörbranz, wo Michael seine Erfahrungen der ersten Woche Alma Alp-Blog an Thomas weitergab, der unmittelbar im Anschluss seine Reise fortsetzte und am späteren Nachmittag auf der Alpe Wurzach ankam.
Traue dem Leben. Das ist die Essenz dieser Woche Alp-Blog, sie steht für die Menschen die ich kennen lernen durfte, für ihre Art des Miteinander, den guten Abstand, einem, der Nähe ermöglicht.
“Bodenständigkeit” hat für mich massiv an neuer Qualität gewonnen, man könnte sie so umschreiben: “In Ruhe und Gelassenheit wach von Augenblick zu Augenblick schreiten, besonnen, offen für jede Begegnung, immer an der Sache sein, interessiert an ihrer Natur, sicheren Tritts unterwegs, egal wohin der Pfad grad führt.”
Die Schneiders sind besonnene Eltern. Kein einzig hartes Wort zu den Kindern hab ich vernommen, eine liebevolle Erziehung mit klaren Regeln, klaren Ansagen und viel Sanftmut. Die haben einfach die Ruhe weg!
So sorgsam sie im Umgang miteinander sind, so wichtig ist ihnen die Natur. Reinhard spricht aus dem Herzen, wenn er von seinen weiteren Plänen für die Alp erzählt: Er will sie möglichst naturbelassen bewirtschaften, dafür nimmt er gerne eine vermeintlich geringe Ausbeute in Kauf und setzt auf, wie er es nennt, “gesundheitsfördernde” Lebensmittel, naturbelassen und ursprünglich.
"Flora", hier fangen die Namen aller Kühe mit einem F an
Puten unter freiem Himmel
"Reaf", ein Lastenrucksack
PS: Die Schneiders empfangen gerne Schulklassen auf der Alp, Reinhard hat hierzu eine pädagogische Ausbildung absolviert, er zeigt den Kids spielerisch und über alle Sinne die Vielseitigkeit dieser unverwechselbaren und schützenswerten Natur, gut so!
Rosemarie bekommt Besuch auf der Gunten, zum Singen steigen sie hoch zu ihr, ein paar Leut aus der Umgebung, zuvor aber haben sie uns hier in der Finne noch ein kleines Stelldichein zum Besten gegeben:
Uff, heute (Freitag) war ja jede Menge los, kaum Zeit zum Bloggen, obwohl getippt hab ich schon, aber alles der Reihe nach:
Zeugnis – Medien – Aufstieg und Fall
Zeugnis
Schulschluss in Vorarlberg, Bernadette ist früh mit den Kindern ins Tal gefahren, Elisa ist sichtlich erleichtert zurückgekehrt, ihre Noten sind gut, einen ausgezeichneten Erfolg hat sie obendrein eingeheimst, denn ihr Querflötezeugnis ist per Post eingetroffen, im Tal, hier hoch kommt kein Briefträger.
Theresa ist noch zu jung für die Schule, aber auch sie ist nun wirklich in den Ferien angekommen, die Schmelga und Jonas spielen den ganzen Tag ausgelassen. Oma Rosemarie war auch zu Besuch, wir konnten uns verabschieden, sehr herzlich, aber kurz, denn sie musste wieder auf die Hochalp und ich werde vermutlich nicht mehr hoch gehen, die Zeit fliegt dahin, als Blogger…
Medien
Apropos Zeit: Jede Menge Medienleute waren heute zu Besuch, bei Nachbar Norbert und hier bei den Schneiders. Die ausgedehnten Interviews bringen den Tagesablauf der Sennen gehörig durcheinander – eine große Herausforderung, denn dem Vieh ist das egal und schließlich wollen wir ja erstklassige Milch für den Alp-Käs! Ach ja, getippt hab ich eine Menge, aber dabei mehr posiert als zusammenhängende Sätze gebildet, denn Beiträge zu schreiben während du abgelichtet wirst nervt, zumindest mich.
Aber der ORF-Besuch war mir sehr willkommen, hatten sie doch nicht nur großes Interesse am Käsen, sondern auch an meiner Alp-Performance:
Vom Aufstieg zum Fall ALPAUFZUG
Das Geheimnis um mein Mitbringsel aus Wien habe ich bereits gestern gelüftet, aber heute es selbst, seht selbst:
PS: Zwei Tipps für Alp-BloggerInnen, 1.: Ein nach unten geöffneter Laptop erweist sich auch als gute Taschenlampe für nächtliche Ausflüge zu Orten mit Netzempfang, aber auch als Insektenmagnet; 2.: “Zwickende” Zeune überquert man am elegantesten indem man sie mit dem Fuß zu Boden drückt!
Um 5:30 Uhr geht die Sonne auf, falsch, die Tage werden schon wieder kürzer und hier oben zeigt sich das deutlich, sie taucht jetzt erst nach 5:45 Uhr am Firmament auf. Der erste Motormäher brummt aus einiger Entfernung auf, Reinhard hat das Vieh längst in den Stall zum Melken getrieben, Bernadette ist nun auch unten in der Hütte und richtet Frühstück, es wird gleich 6 Uhr. Überhaupt, die Tage hier droben sind von Arbeit geprägt, “Zu schaffen gibt’s immer was, da bräuchtest nit aufhören”, höre ich öfter.
Bernadette fährt heute mit zweien ihrer “Schmelga” (Mädls) und Jonas ins Tal um das Schulzeugnis abzuholen, um 8 Uhr müssen sie bereits in der Kirche zum Schulabschlussgottesdienst sein. Sarah, die älteste Tochter, bleibt hier, sie ist massiv beinträchtigt – 7 große Operationen im Bauchraum hat das Schmelga schon hinter sich gebracht, 10 Jahre ist sie alt. Die Schneiders als Eltern verlangen mir größten Respekt ab, Bernadette strahlt eine derartige Gelassenheit und Ruhe aus, als ob sie gar nicht alle Hände voll zu tun hätte, sie wirkt, als ob immer noch ein wenig mehr ginge.
Wie oft ich schon miterleben musste wie quängelnden Kindern blanker Zorn entgegnet wird, damit sie doch endlich still und brav – also ruhig – seien, hier oben in der Finne ist das anders. Die Kinder hier heulen genau so oft wie anderenorts auch, aber wenn, dann heulen sie nicht lange, sondern lachen und kudern alsbald wieder, ihre Eltern machen das toll, man bedenke: Vier Kinder, Sarah sitzt im Rollstuhl und erhält Nahrung über eine Sonde.
Kraft holen sich die Eltern bei den Abendausflügen, Sahra bleibt in diesen Stunden in der Hütte und es tut ihr offensichtlich gut, sie braucht Zeit und Ruhe für ihre eigene Welt.
Ein traumhaft schöner Tag: Klarer Himmel, Sonnenschein, zwischendurch umstreift mich immer wieder eine Brise Bergluft. Die Schneiders sind samt Kindern ins Tal gefahren um dort ihre Felder zu “häuen”, eine harte und wenig abwechslungsreiche Arbeit. Ich sollte oben bleiben, schließlich hat das auch nichts mit dem Alp-Käs zu tun und im Tal ist es zudem um sechs Grad heißer. Nun gut, nachdem ich das letzte Video bis um drei Uhr in der Nacht grob geschnitten hatte und dann früh auf war um es fertig und online zu stellen, hab ich mir wohl einen ruhigeren Tag verdient, “od’rr”?
So ruhig ist er dann aber auch nicht geworden, denn ich habe ja die besagten Winkelstangen mitgebracht – für alle gut sichtbar am Dach des Autos montiert, aber der Zweck blieb vorerst ein Geheimnis. Großes Erstaunen hab ich damit ausgelöst bei den Älpern und auch sonst, aber das Staunen wurde noch größer als sie sie fertig montiert erblicken durften.
Sie kamen nach einigen Stunden pünktlich zurück, just in dem Augenblick als ich ihn fertig hatte, also das manifestierte Gedankengerüst, denn richtig fahren wird er erst morgen: Ja, es ist ein Alpaufzug.
Jonas im Kurzflug mit seinem Papa, drei Schritte links, rechts, dahinter geht's "brutal" bergab
Gestern Mittwoch: Der Rötler ist eine äußerst schmale, kurze Terrasse, rundherum geht’s “brutal” steil bergab, bergauf – selbst für Einheimische ist das steil, wie der O-Ton bestätigt! Etwas stolz bin ich jetzt schon, wenn auch die Kids hier schon von kleinauf hoch trippeln, wiewohl auch Jonas (siehe Foto) im Kurzflug bloß locker dahin kudert und sogar laut aufjuchzt, mir war beim finalen Aufstieg ordentlich mulmig zumute, wie auch beim Verweilen – denn ja, man muss ja auch wieder zurück und da schaust direkt runter neben den fußbreiten Bergpfad, der immer wieder zackig abfällt: 40-50 m bis das Gelände wieder etwas Halt böte.
Pia die Katze der Schneiders hat mir da aber den Schrecken genommen. Sie begleitete uns - den ganzen Weg hoch und zurück! -, auch die letzten Meter zum Rötler, stets sicheren Tritts, immer aufmerksam zuwartend, wie ein treuer Hirtenhund, aber auch Rosemarie, die den Sommer über in der Gunten auf’s Jungvieh schaut, gab mir einen sehr guten Ratschlag zum Abstieg: “Auf den Geruch konzentrieren!” Ja, ich kann die Alp jetzt schmecken.
Die Ursprungsalp, duftende Kräuter
Mit Rosemarie hatte ich übrigens einen sehr schönen Abend zuvor: Die Mutter von Reinhard erzählt zwar ihren Enkeln gerne Märchen aus dem Wald – das macht sie sehr gut, wie ich gehört habe -, aber sonst “druckt sie keine G’schichteln”, ganz im Gegenteil, sie steht mitten im Leben, klar, freudig, offen und hell. Sie hat jeden Tag Besuch oben auf “ihrer Gunten”, vielfachen!
Hier kaum zu sehen, aber gewiss, sie sind da, die Paragleiter
Der sanfte Tourismus hat heute Hochbetrieb: Jede Menge Paragleiter kreisen über unseren Köpfen, aber ohne Teleobjektiv sind sie kaum abzulichten.
Vielleicht klappt’s von oben besser, denn gleich geht’s wieder hoch zur Gunten, diesmal geh ich aber alleine vor. Die Schneiders kommen dann abends nach und dann geht’s gemeinsam weiter zum “Rötler”. Langweilen werd ich mich derweil sicher nicht, denn oben wartet ja Rosemarie und die soll eine tolle Geschichtenerzählerin sein…
Das Frühstück hat mir selten so gut geschmeckt wie hier oben. Neben der guten Luft macht die hausgemachte Alp-Butter ordentlich Appetit, sie schmeckt genauso vollmundig wie der Alp-Käse. Im Gegenteil zu den Fettwiesen im Tal grast das Vieh hier oben jede Menge duftender Kräuter – sucht sich diese auch selbst aus – von der Magerwiese. Diese hat zwar einen kleineren Futterwert, als jene Wiesen mit vorwiegend Gräsern im Tal, hab ich mir sagen lassen, sie bringt aber eine viel bessere Qualität und einen unverwechselbaren Geschmack und das stimmt.
Die Alp-Butter im Wassertrog, so behält sie ihren würzig-feinen Geschmack am besten
Mit Reinhard hatte ich einige ausgedehnte Gespräche zum Thema Nachhaltigkeit und ursprüngliche Bewirtschaftung: Er steht für eine sanfte Landwirtschaft, eine, die die Natürlichkeit des Bodens erhält, bewahrt und schützt. Er verzichtet gänzlich auf Chemie, nützt stattdessen überliefertes Wissen und steht aber auch im regen Austausch mit Experten der alternativen Landwirtschaft, z.B. düngt er kaum mit Gülle, da diese die Regenwürmer tötet und wenn, dann nur dort wo es wirklich nötig ist und in einer besonderen Weise, sodass das Bodenleben erhalten bleibt, die Nährstoffe aber dennoch aufgeschlossen werden.
Alles sehr interessant, ich habe mir vorgenommen etwas Literatur dazu zu lesen – wenn ich wieder in Wien bin -, aber einige Tipps für meinen Garten in Kritzendorf habe ich schon erhalten